Donau-Wanderfahrt

Wie blau ist die Donau? Das wollten wir herausfinden und sind vom 15. bis 23. August auf Erkundungsfahrt gegangen. Start war in Ingolstadt, wo wir abends zeitig eingetrudelt sind, unseren Vierer (Weser) und Zweier (Berlin) abgeladen haben und zum Fischerstechen durch die Stadt geschlendert sind. Ingolstadt sieht übrigens aus „wie Hameln“, nur die Fachwerkhäuser fehlen. Tja, in der Fremde sieht man immer das, was man sehen will. Fischerstechen ist ein hübscher Wettkampf zwischen zwei Ruderkähnen mit stehendem „Fischer“ im Heck, den man mit einer Lanze versucht beim Gegner in die Donau zu schubsen. Aus den fünf Mannschaften ging Donauwörth als Sieger hervor.

Am Sonnabendmorgen sind alle acht Ruderer vollzählig, die Laune gut, Simone als Fahrradbegleitung startklar und beim Donau-Ruder-Club die Boote auf dem Wasser, um als erstes eine kleine Sportbootschleuse hinunterzuschweben. Der Fluss strömt danach flott durch die Stadt und bringt es im Stromstrich bisweilen auf 8 km/h, wenn man nicht gerade vor Staustufen dahindümpelt. Vor Weltenburg wechselt die Landschaft von platt zu hügelig, um am Beginn der Donauenge in den Kloster-Biergarten einzuladen. Die Bedienung heißt Mia und lotst uns gleich an einen freien Tisch, während sie Klaus-Georg lautstrark als schönsten Mann ausguckt, dass die umstehenden Touristen große Augen machen. Die letzen 5 km des Tages führen durch die idyllische Schlucht nach Kehlheim, wo Schneider Weiße nicht nur ein Brauhaus sondern auch die passende typisch bayrische Restauration betreibt.

Wenige Frachtschiffe von und zum Main-Donau-Kanal tauchen ab dem zweiten Tag auf, ein paar Sonntags-Sportboote gesellen sich dazu, und es gibt eine Bootstreppe talwärts zu fahren. Bei der Weser schleifen wir dabei die Steuerbord-Ausleger 2 mm an der Betonwand ab, damit sie windschnittiger wird. Beim Anlegen am Regensburger Ruderverein v.1898 treffen wir zwei andere kleine Rudergruppen aus Rotterdam und aus Ochsenfurt/Main, die wir später nochmal sehen.

Die kurze Etappe lässt Zeit für eine Stadtbesichtigung in Regensburg mit seinen engen Gassen, Domplatz oder dem Reichstag im alten Rathaus. Und für einen Gang über die Steinerne Brücke mit ihren engen Durchfahrten und Stromschnellen. Da sehen wir schon mal , was am nächsten Tag auf uns zu kommt. Tatsächlich haben Hartmut und Simone nachmittags schon eine am gleichen Tag an der Steineren Brücke in zwei Teile zerlegte Holz-Gig und die glücklicherweise unverletzt geretteten Vereinsmitglieder der Regensburger erleben können.

Als wir am dritten Tag hochkonzentriert die gekennzeichnete Durchfahrt mit ordentlich Tempo passieren, sieht es schon weniger dramatisch aus. Trotzdem wird es knapp: Eine Querströmung drückt einen ganz schön Richtung Pfeiler, und es bleiben nur ein paar Zentimeter Luft. Bald wird der Fluss breit wie ein See und Wallhalla taucht auf den Hügeln am linken Ufer auf. Imposant anzusehen, von König Ludwig I. im 19. Jahrhundert in die grünen Wälder Bayerns gepflanzt als Stein gewordener Geist der Antike. Aber auf eine Besichtung verzichten wir, die lange Etappe führt uns noch bis Straubing. Davor liegen flachere Ufer, langsamere Strömung und graue Wolken. Wobei wir dank Simone keinen Regen abbekommen. In Wahrheit ist Simone nämlich eine Regenfängerin auf dem Fahrrad und zieht die Wolken ein paar Kilometer weiter auf sich. Ein Medium, so ähnlich wie Indianer das mit ihrem Traumfänger können. Und es gibt zwei Staustufen, die wir in der Großschiffartsschleuse passieren dürfen. Wobei die Donauschleusen Geisling und Straubing wirklich riesig sind, und ein Frachtschiff am anderen Ende der geschlossenen Schleuse immer noch sehr weit weg liegt.

Diesen Abend bleiben wir etwas erschöpft in der Straubinger Pension zum Essen und verpassen die nach dem Münchener Oktoberfest zweitgrößte Kirmes Bayerns. Aber das Abschlussfeuerwerk war sehenswert!

Tag Vier wird wieder etwas entspannter, mehr Strömung, Mittagspicknick am Kiesstrand und wieder ein paar Sonnenstrahlen. Unser Ziel Deggendorf hat sich sauber herausgeputzt, es ist Landesgartenschau, und in der Fußgängerzone („Luitpoldplatz“) laden Cafes zum Eis ein. Zünftig das Essen im Gasthof Höttl.

Mittlerweile gewöhnt man sich an den Lebensrhythmus im Ruderboot: Morgens frisch aufstehen und abends zeitig ins Bett sinken. Während am fünften Tag nach Deggendorf die Berge des Bayerischen Waldes wieder etwas näher rücken und liebliche Hügel auftauchen, schweifen die Gedanken ab, die ganze Donau hinunter bis zum Schwarzen Meer. Die Donau ist anders als üblich von der Mündung aus kilometriert. So sieht man immer, wie weit es noch bis dorthin ist: 2255 km. Das steht auf dem Kilometerschild beim Dorf Pleitning. Schon sind wir seit Deggendorf 30km gerudert. Schon sieht es wieder anders aus. Eine Felsgruppe „Drei Brüder“ taucht neben der Fahrrinne im Wasser auf. Kann man nicht noch 2255 km weiter fahren? Wie lange braucht man? Gibt es nicht Altvordere, die sowas machen? Aber erstmal wird man hungrig, und die Mittagspause beim Ruderclub Vilshofen ist willkommen. Ein örtlicher Ruderkamarad ist so nett, uns mit Getränken zu versorgen. Bis Passau sind es noch über 20 km und eine Schleuse, etwas kühl heute, also weiter!

In Passau legen wir direkt am Hotel an, etwas ungewöhnlich, es geht eine steile Treppe hoch mit der Berlin, während die Weser ein paar Meter weiter direkt an der Donau zwischen Büschen und Steinen abgelegt werden kann. Auch das Hotel ist etwas ungewöhnlich, modern, ein langer Schlauch mit schubladengroßen Einzelzimmern. Was beim abendlichen Standrundgang bis zum Dreiflüsseeck auffällt, sind erstens die vielen großen Kreuzfahrtschiffe, die am Donauufer liegen.

Zweitens die Hochwassermarken von 2013, die höher sind, als alle historischen aus dem 18. Und 19. Jahrhundert. In der Altstadt sind viele Untergeschosse noch offen mit abgeschlagenem Putz zum Austrocknen.

Und wie blau ist die Donau nun? Als wir am Dreiflüsseeck stehen, sieht man: Gar nicht. Schon bis Passau ist sie so grünlich, dunkel, nur etwas bläulich wie andere Flüsse auch. Aber der Inn bringt einen kalkigen, milchigen Strom herein, der die offenbar kleinere Donau (und den dritten kleinen Fluss Ilz) dominiert, dass sie von da an erst recht blass grün-grau schimmert.

Die vorletzte Etappe führt nach Österreich bis zu einem Gasthof in Bilderbuchlage an der Schlögener Schlinge, Angler „gehen“ auf Aal und eine französische Jugend-Radfahrergruppe zeltet. Aber das Wasser der Donau fühlt sich immer noch zu kalt zum Schwimmen an.

Und dann bricht auch schon der siebte und letzte Rudertag an: noch gut 50 km bis nach Linz. Irritierend ist gleich nach dem morgendlichen Start ein Schild „Havarie-Abladestelle“. Ob es in diesem Bereich öfters Kracht und Schiffe zusammenstoßen? Aber wer weiß, was die Österrreicher damit meinen ...

Für Ruderer besteht in Österreich die Pflicht, in Schleusen Rettungswesten anzulegen. Deshalb hatten wir für jeden eine im Boot, weil noch zwei Schleusen auf der Route liegen. Allerdings sind beide Male die Schleusenwärter nicht so wohlwollend wie gewohnt und möchten nicht die Riesentore für zwei läppische Ruderboote aufmachen. Deshalb tragen wir um, jeweils mit Bootswagen, geht auch, oder „passt scho“ wie man an der Donau sagt.

Der sonnige Sommertag wird gekrönt von Simones magischer Meisterleistung: Während sie am Ufer mit dem Rad auftaucht, schwebt eine zarte Wolke über den blauen Himmel, läßt ein paar Tropfen fallen und zieht weiter als ob nichts geschehen wäre. Chapeau! Fast hätten wir nach der Mittagspause an der Oberösterreichischen Regattastrecke (15 km vor Linz) am Drachenbootrennen des Voest-Stahl Betriebsfests teilgenommen. Aber die Mannschaften waren schon komplett.

Das Ziel im Winterhafen Linz ist der Anleger vom Linzer Ruderverein Ister. Praktischerweise liegt der Bootsbauer Schellenbacher gleich daneben und zeigt uns gern seine Bootswerft. Beeindruckend, wie viel Handwerk und individuelle Arbeit da noch gepflegt wird. Und wie viel Detailwissen und handwerkliche Kompetenz nötig ist, um gute Boote zu bauen! „Ein Boot muss schwimmen“ ist das Credo des Seniors. Womit gemeint ist, von selbst – wenn es vollschlägt. Bootsbau wäre nun aber ein eigener langer Artikel. Deshalb begeben wir uns jetzt zum Abschlußessen in die Beisl am anderen Donauufer und genießen den blauen Zweigelt oder das Bier und sind mit dem komfortablen Hotel für die letzte Nacht zufrieden.

Insgesamt 330 km in 7 Tagen rudern vergehen schneller als man denkt. Vor allem, weil alles perfekt geklappt hat, von der Vorbereitung, Buchung der Unterkünfte, die unkomplizierte Stimmung, das Fahren mit Bus und Hänger. Ein großer Dank an Rüdiger und Dirk!

Friedrich Weskott

 

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